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Reine Brunetti-Touren biete ich nicht an, aber ich zeigen Ihnen gerne während unseres Spaziergangs durch Venedig einige Drehorte.

Die Questura

Zur Einstimmung hier ein Artikel von Gerhard Sok, der mir freundlicherweise die Veröffentlichung erlaubt hat:

Tod in Venedig

von Gerhard Sok

Commissario Brunetti - oder der Traum vom gelingenden Leben.

Wenn der Dichter Commissario Brunetti durch Venedig gehen sieht, ohne jede Eile, mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln auf den Lippen, das die Sicherheit eines Mannes verrät, dessen Leben in den richtigen Bahnen verläuft, dann ist er jedes Mal versucht ihn darum zu beneiden.
Es erscheint ihm kaum vorstellbar, dass man an irgend einem anderen Ort der Welt sein möchte als in Venedig, dass ein interessanterer Beruf möglich ist als der eines Commissarios in Venedig, oder dass dem Mann an sich ein größere privates Glück beschieden sein kann als das des Guido Brunetti mit seiner schönen Frau Paola, einer Dozentin für Literaturwissenschaften und seinen beiden pubertierenden Kindern Raffa und Chiara – in Venedig.

Kein Mann braucht mehr auf dieser Welt als so eine Frau, obwohl er sie eigentlich nicht verdient hat, wie die Romane und Filme der Donna Leon suggerieren, die dafür Sorge trägt, dass sie in dieser Ehe die Hosen anhat, sie die Überlegene ist, intelligenter, einfühlsamer, unabhängiger, vor allem aber klüger, so dass Guido gar nicht weiß wie ihm geschieht, wenn er die Willfährnisse seines Familienlebens souverän zu meistern meint und jeden Tag auf dem gemächlichen Weg ins Kommissariat, sich selbst dazu gratuliert.

Doch kann man sich dessen sicher sein? So einfältig Brunetti auch in seiner typisch männlichen Gutmütigkeit daher kommen mag, unterschätzen sollte man ihn nicht. Vielleicht ist er ja nur schlau genug ihr diese Rolle widerstandslos zu überlassen, weil ihn der Beruf in seinen Bann schlägt oder Signorina Elletra, die junge, bildhübsche Sekretärin seines Chefs, des Vice-Questore Patta, deren Avancen Guido gleichwohl geflissentlich übersieht, instinktiv jede Gefahr meidend, die sein Glück gefährden könnte.
Auch Patta steht dem nicht im Wege, ein harmlos eitler Mann, der gerne in jenen Wassern gesellschaftlichen Glanzes badet, in denen der Commissario zu angeln pflegt, da sich erfahrungsgemäß hier die gefährlichsten Haie tummeln.

Zuweilen speist er mit seinem Schwiegervater, einem Conte aus dem Hause der Falier, einer der ältesten Familien Venedigs, gegenüber von St. Marco, der ihm notgedrungen einige Insidertipps zukommen lässt, da er nicht möchte, dass seine Tochter, die trotz dieser Mesaliance offenbar glücklich zu sein scheint, alsbald Witwe wird. Beide machen kein Hehl aus ihrer Abneigung füreinander, zweifellos eine gefährliche Fußangel in der Beziehung der Eheleute, die sie bisher jedoch geschickt zu umgehen wussten.

Und so durchstreift Commissario Brunetti bei seinen, wie es den Anschein hat, zielstrebigen, nichts desto Trotz dem Leben zugetanen Recherchen Venedig in alle Richtungen, mal zu Fuß, mal per Gondel, doch stets mit Sergente Vianello an seiner Seite und wenn ihn an manch frühem Morgen, an dem die Sonne das Meer mit blitzenden Diamanten wie eine Braut schmückt, sein pfeilschnelles Motorboot zu einem Tatort weit hinaus trägt in die Bucht, wo sich in den Netzen eines Fischkutters wieder einmal die Leiche eines armen Tropfs verfangen hat, dann hat der Dichter alle Mühe sich in sein eigenes tristes Dasein zu fügen.
Und so fragt er sich zuweilen, wo das Geheimnis dieses italienischen Sisyphos und seines gelingenden Lebens liegen mag?

Brunetti kämpft nicht gegen das Böse oder für die Gerechtigkeit, wie so viele seiner Zunft. Er hat das Spiel durchschaut. Erwischt werden immer nur die Kleinen. Dem Verbrechen kann ein Commissario niemals beikommen, selbst wenn ihm zuweilen das Schicksal in Gestalt eines zerknitterten Mütterleins zu Hilfe kommt, indem es den ermordeten Sohn mit der alten Jagdflinte ihres Seligen rächt und dabei ausnahmsweise den echten Schurken erwischt.

Und so geht er jeden Tag pünktlich und zufrieden wieder nach Hause. Die Familie findet sich auf der Terrasse oberhalb des Canale Grande beim Abendessen ein, tut sich bei mediterranem Traumwetter an Minestrone, Antipasti, Spagetti, Salami, Käse, Salaten, Fisch, Muscheln, Rotwein und sonstigen italienischen Köstlichkeiten gütlich und beredet ihre persönlichen Angelegenheiten.
Das ist das Feld Paolas, indes sich Brunetti seiner Umgebung zuwendet und im grandiosen Anblick dieser weltberühmten Filmkulisse versinkt.
„Was soll daneben alles andere? Dolce far niente“, sagt sich der Commissario und ein Gefühl tiefen Friedens durchzieht sein Gemüt.

Auf Paolas Lippen aber liegt ein kleines, rätselhaftes Lächeln …