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UNESCO und Venedig – Wie historisches Welterbe zerstört wird.

Die UNESCO setzt Venedig nicht auf die Liste des gefährdeten Welterbes.

Die Maßnahmen der Stadtregierung zum Schutz des einzigartigen Ortes und der Lagune gleichen einer Komödie.

Die Entscheidung der UNESCO

Die Entscheidung des Welterbekomitees, Venedig nicht auf die – rote? / schwarze? – Liste der gefährdeten Orte zu setzen, hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Diese wurde getroffen, nachdem Bürgermeister Luigi Brugnaro das Eintrittsgeld pünktlich zur Tagung in Riad vorgelegt hatte und somit den Druck von der Stadt genommen hatte.

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Eintrittsgeld für Venedig

Obwohl bereits seit fünf Jahren über eine Zugangsgebühr für Tagestouristen diskutiert wird, ist dies immer wieder ein Thema gewesen und konnte bisher nicht umgesetzt werden. Ab dem Jahr 2024 soll jedoch jeder Besucher einen Betrag von fünf Euro entrichten müssen – mit Ausnahme der Bewohner Venetiens. Trotz der präzisen Angaben konnten die Mitglieder des UNESCO-Welterbekomitees nicht verhindern, dass sie den alarmierenden Zustandsbericht von Venedig zum dritten Mal hintereinander ignorierten.

Hinter verschlossenen Türen

Es scheint so, als ob hinter verschlossenen Türen tatsächliche Übereinkünfte getroffen werden und NGOs bei wichtigen Diskussionsthemen ausgeschlossen bleiben. In diesem Zusammenhang haben sich auch der italienische UNESCO-Botschafter sowie venezianische Stadtdirektor hervorgetan, indem sie ihre Köpfe zusammensteckten, um mögliche Lösungsansätze auszuarbeiten.

Die Mitglieder des Unesco-Komitees waren beeindruckt von den Bemühungen Italiens und der Stadtverwaltung, die „Outstanding Universal Values“ dieser einzigartigen Stadt zu erhalten. Mit großzügiger Hingabe hat Italien sechs Milliarden Euro in das Flutsperrwerk Mose investiert. Weder der vor kurzem aufgedeckte Korruptionsskandal rund um Mose noch Bedenken hinsichtlich ökologischer Auswirkungen konnten diese positive Stimmung trüben. Die Unesco stellte sich auch nicht gegen Venedigs jährliche 30 Millionen Touristen mit übersteigender Anzahl an Betten im Vergleich zur Einwohnerzahl oder fehlende Regulierungen für Airbnb-Vermietungen – obwohl dies dazu führt, dass Venezianer kaum Wohnraum finden können und ihr tägliches Leben hier vernachlässigt wird.

Das Komitee

Das Komitee der UNESCO, bestehend aus Vertretern verschiedener Nationen, bekundete großes Interesse am Einsatz Italiens zur Erhaltung einer besonderen Kulturstätte. Der Schutz Venedigs als unersetzliches Wahrzeichen unserer Weltgeschichte war ein bedeutender Fortschritt in dieser Angelegenheit. Dabei wurden sogar bisher ungeahnte finanzielle Mittel eingesetzt und ohne Rücksichtnahme ganze sechs Milliarden Euro von italienischen Kräften bereitgestellt, um das Hochwasser-Sperrsystem MO.S.E fertigzustellen.

Obwohl es kritische Meinungen gab, die sich auf Umweltauswirkungen und den Verdacht von Korruption während des Baus von MO.S.E. bezogen haben – blieb das Komitee durchweg optimistisch und zufrieden gestimmt.

Mehr Betten für Touristen als Einwohner in Venedig

Venedig unter 50.000 gemeldeten Einwohnern
Venedig unter 50.000 gemeldeten Einwohnern

Es ist erwähnenswert, dass in Bezug auf Venedigs Tourismusbranche keinerlei Kritik geäußert wurde. Jahr für Jahr strömen 30 Millionen Touristen in die Stadt und dies hat dazu geführt, dass es mittlerweile mehr Betten als Einwohner gibt (49.700 vs 49.300). Hinzu kommt das Fehlen von Regulierungen bezüglich Airbnb-Vermietungen, was zur Folge hat, dass Venezianer immer schwerer erschwinglichen Wohnraum finden können. Dies beeinträchtigt das tägliche Leben der Bewohner stark und führt zu Vernachlässigung wichtiger Bedürfnisse im Alltag.

Datenschutz ausgehebelt – Hunderte Kameras mit Gesichtserkennung in Venedig

Die Begeisterung der UNESCO war immens: Das Eintrittsgeld galt als Testlauf, um den Tagestourismus einzudämmen und könnte auf andere Städte übertragen werden. Eine Regulierung des Touristenstroms schien nun möglich zu sein! Allerdings ignorierte man die Tatsache, dass durch automatisch eingeloggte Smartphones, Daten abgesaugt wurden und 700 Überwachungskameras mit Gesichtserkennungssoftware sowie 50 Bewegungsmelder den Datenschutz aushöhlen würden.

„Der Bürgermeister triumphierte, dass nur die Oppositionellen in Venedig es immer noch nicht verstehen.“

Bürgermeister Brugnaro äußerte seinen Triumph darüber, dass die Welt verstanden hat, wie seine Stadt verteidigt wurde. Allerdings scheinen Oppositionelle in Venedig noch immer nicht dazu fähig zu sein.

Vor einigen Tagen hatte der Bürgermeister gegen Venezianer protestiert und sie als „Faschisten“ bezeichnet – insbesondere Studenten sowie Vertreter von venezianischen Bürgerinitiativen waren betroffen. Zudem spottete er über die Opposition mit den Worten: „Ihr habt nichts anderes getan als einen Scheißdreck.“

Als Venezianer könnten wir über die Groteske in unserer Stadt lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Seit Jahren spielen sich zwischen einem Bürgermeister und der UNESCO Szenen ab, die uns ratlos zurücklassen. Der regierende Bürgermeister scheint seine eigene Stadt zu verabscheuen und das Welterbe mit Füßen zu treten – währenddessen gibt sich die UNESCO als Hüterin des Erbes aus, folgt aber offenbar lieber den politischen Interessen ihrer Geldgeber. Italien gehört schließlich zu den potentesten Unterstützern des UNESCO-Welterbekomitees.

Es mag verwundern, dass ein Mann wie der Bürgermeister Venedigs die Stadt und ihre Einwohner so behandelt. Doch dies hat seinen Grund darin, dass Venedig seit seiner Zwangsvereinigung mit dem Festland im Faschismus keine eigenständige Verwaltung mehr besitzt. Die Mehrheit der Wählerschaft lebt auf dem Festland – 177.000 Menschen gegenüber weniger als 50.000 Venezianern – wodurch man fast von einer verlorenen Position sprechen könnte. Das Brugnaro-Land ist fest in den Händen des Festlands; doch in Venedig selbst gibt es viele Kritiker dieser Entwicklung. Der Bürgermeister scheint sich jedoch an jenen zu rächen: Er berief ausschließlich Bewohner vom benachbarten Land ins Stadtparlament und ließ somit jegliche Vertretung für Venezianer außen vor stehen.

Vielen Dank an Petra Reski, für die Hintergrundinformationen.

Reskis Republik lesen, Italien verstehen und Ehrenvenezianer werden jetzt!

Gedanken & Beobachtungen aus und über Venedig.

Luigi Brugnaro, amtierender Bürgermeister von Venedig, greift Petra Reski öffentlich an

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Kommentar von Petra Reski zum Facebook-Post von Brugnaro.

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4 Gedanken zu „UNESCO und Venedig – Wie historisches Welterbe zerstört wird.“

  1. Hallo Ute und Andreas,
    Herzlichen Dank für eure umfangreichen und sehr interessanten Informationen. Ich war schon von euren Fotos mit den dazugehörigen Erklärungen sehr angetan, daher verschlingen ich auch diese Informationen von euch mit großem Interesse.
    VIELEN LIEBEN DANK euch beiden.

    Antworten

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